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Im Jahr 3 nach "Überfall" sind Massive Töne aus Stuttgart wieder dabei. Mit ihrem kompakt modernen, komplett meisterhaften, dritten Album "MT3". Auf vierzehn
schwindelerregenden Kopfnicker-Tracks feiern, fahren, flirten und fluchen sie ihren neuen Rap-Rundumschlag. Sie heben das Niveau an, durch Mike und Tonarm. Das ganze Programm. Ob bei der Party "Im Club", auf der imaginären "Traumreise" oder beim
automobilen "Cruisen", für "Hitsingles", "Laller" oder "Deutschrapper"- auf MT3 kriegt jeder in "Deutschland, Deutschland" sein fett weg. In jeglicher Hinsicht. Reifer, hungriger, gleichzeitig wütender und weiser, zementieren die Massiven damit ihren schwer erarbeiteten und wohlverdienten Status. Schon lange gehören sie zu den besten einheimischen HipHop-Crews, mischen auf Bühnen, in Clubs und im Radio massiv
mit, ziehen den Scheiß durch wie'n roten Faden. In mehr als zehn Jahren Bandgeschichte haben sie sich, auf hunderten von Auftritten, mit dutzenden Singles und EPs, jeder Menge Features und zwei Alben, gleichzeitig Hörner abgestoßen und Hörer angezogen. ""Früher war alles besser" ist doch Blödsinn!", meint Schowi. "Und dauernd zu betonen, dass man das alles schon so lange macht, finde ich auch Scheiße. Daraus irgendeine Folgerung zu ziehen ist echt anmaßend." Das sollen andere machen. Massive Töne lassen lieber Platten sprechen.
Und Taten. Außerhalb des Rampenlichts betreiben sie ihr eigenes
"Kopfnicker"-Label und das "Kopfnicker"-Studio, veranstalten mit "0711hiphop" Clubs und Shows und verantworten die legendären "0711 Tapes". So haben sie - dank ihrer Umtriebigkeit und der Unterstützung von Eastwest - den Kopf und den Rücken frei, als Massive Töne zu tun und zu lassen, was sie wollen. Wie sie wollen. Und wann. "Das coole ist," sagt
Schowi, auch in Anspielung auf den "Deutsch Hip Hop-Boom" der letzen Jahre, "dass wir den Hype schon hinter uns haben.
Andere müssen erst noch baden gehen. Wir waren schon im Wasser." "Und konnten schon Rückenschwimmen," meint Alex, auch bekannt als DJ 5ter Ton. "Junge, wir haben uns schon längst wieder abgetrocknet!", schließt Ju den Kreis. Wie im Leben,
funktionieren die Massiven auch musikalisch am besten gemeinsam. Und das jetzt schon seit 1991. Damals fangen die MCs João dos Santos, genannt Ju , Wasi Ntuanoglu, genannt
Wasi, Jean-Christoph Ritter, genannt Schowi, und der DJ (und spätere Mitproduzent) Alexander Scheffel, genannt Alex alias DJ 5ter Ton, an, ihre Talente in einer Gruppe auszuleben. Von Public Enemy und Advanced Chemistry inspiriert, schreiben sie erste eigene Texte. Die sie zuerst zu US-Instrumentals, dann zu selbst gebastelten Tapeloops, später zu Beats von (den heutigen
FK-Allstars) DJ Friction oder Phillippe Kayser rappen. 1993 gründen sie mit anderen Stuttgarter Hip Hops, u.a. Max und Afrob, die "Kolchose". Im Jahr darauf avancieren die Lokalmatadoren mit Auftritten auf allen großen deutschen Hip Hop Jams und bei Gastauftritten auf der "Klasse von ´94"-Tour mit Absolute Beginner, Main Concept, MC René zu beachteten Nationalspielern. 1995 veröffentlichen sie ihre EP "Dichter in Stuttgart" und gehen mit der "Klasse von ´95" (Der
Tobi & Das Bo, Fettes Brot, MC Rene, F.A.B.) auf Tour. Sie werden noch bekannter, noch anerkannter. Schon ein Jahr später veröffentlichen Massive Töne ihr erstes Album
"Kopfnicker", heute ein Klassiker des deutschsprachigen Hip Hop. Es folgen eineinhalb Jahre mit allerhand Touren und Torturen, Tracks und Terminen. 1998 fühlen sie sich dann reif, "musikalisch und businessmäßig mit einem Majorlabel umzugehen". Massive Töne
werden von Eastwest gesignt. Sie bauen ihr eigenes Tonstudio auf, treten mit KRS-One, Missy Elliott und MC Lyte auf, touren mit Invisibl Skratch Picklz und den X-ecutioners, sowie als gefragte Headliner auf vielen Open Airs. Parallel dazu beginnt die Arbeit an der neuen LP. Während eines Aufenthaltes in New York entstehen Stücke mit Blahzay Blahzay, The Arsonists und Shabazz the Disciple von den Gravediggaz. In Marseille nehmen sie zusammen mit IAM, Frankreichs erfolgreichstem
Rap-Act, auf. "Mann, dafür haben wir echt einiges an Kritik einstecken müssen", erinnert sich Schowi heute. "Zu mir sind Typen gekommen, die es eigentlich besser wissen müssten, die meinten: "Ich weiß es 100 %, aus erster Hand, dass die Plattenfirma das alles eingefädelt und bezahlt hat." Und Alex meint: "Wir dachten immer nur: "Seit wann kennst Du die Arsonists oder Blahzay Blahzay? Glaubst Du, die Plattenfirma kauft Acts ein, die keiner kennt?"" 1999 erscheint dann das zweite Album, "Überfall". Singles, Videos, Touren und jede Menge Airplay sorgen, wie erwartet, für noch mehr Aufmerksamkeit. Massive Töne sind in aller Ohren - "Überfall" geht nicht nur auf Platz 6 in die Charts, sondern entpuppt sich als eines der erfolgreichsten deutschen Hip Hop Alben überhaupt. Im Herbst des Jahres trennt sich die Band nach einigen Meinungsverschiedenheiten von Wasi als MC und
Producer. Schon im Frühjahr 2000 launchen die Massiven "Kopfnicker Records" und sind gleich maßgeblich an der ersten Maxi
"Characters" mit Spax, DJ Mirko und David Pe beteiligt.
In den Folgemonaten signen sie neue Acts wie Skills en Masse, Breite Seite, Karibik Frank und Timxtreme, mit denen sie auch aufnehmen und über etliche Festivals touren. Gleichzeitig erarbeiten sie das gefeierte Labelporträt "Kopfnicker Records - das Album" (heftig.com kürte den Releasetag, passenderweise der 07.11., begeistert zum "Feiertag für alle Hip Hop Headz").
Jetzt endlich kommen sie selber wieder an den Start, mit "MT3". "Wir sind ja nicht so die Einzeltypen", meint
Schowi. "Man könnte nicht sagen: "Die drei krassen Individuen kommen jetzt wieder zusammen, um gemeinsam ihr Ding zu machen." Und genau das ist es, was uns ausmacht: Wir sind einfach solide! Drei Schwaben, die ihre Sachen machen." Ju lächelt und nickt. Und Alex murmelt: "Solide und bescheiden. So wie Luke Skywalker, Han Solo und Chewbakka auch." Eigentlich, um beim Thema zu bleiben, wollten sie schon vor "Episode 2" mit den neusten Kapiteln ihrer eigenen Geschichte am Start sein. Aber
dann hat alles, inklusive dem Aufbau des Studios, länger gedauert, als erwartet. Gut Ding will, wie man auch in Stuttgart weiß, Weile haben.
In einem dreiviertel Jahr intensiver Studioarbeit wurden für "MT3" hunderte von Beats und Texten gemacht, diskutiert, verworfen und verändert. "Wir kontrollieren uns auch
gegenseitig", meint Schowi. "Wenn da einer sagt "Das ist wack", sagt der andere "Ist mir doch scheißegal". Aber nächste Woche macht er es dann doch anders. Manchmal streiten wir uns drei Stunden lang über ein Wort und reden dann den ganzen Tag
nicht mehr miteinander. Manche Stücke sind vielleicht zu 80% Ju oder zu 80% Schowi. Aber sie sind trotzdem immer 100 % Massive Töne. Deswegen müssen wir uns darüber auch streiten können." Und das geht nur, wenn man sich im Kern einig ist. So
repräsentieren die vierzehn Tracks auf "MT3" in der Summe immer Massive Töne. Die erste Single "Cruisen", ihr sommerlicher "Auto, Motor, Sport" Song, genauso, wie der
Partytrack "Im Club". Die örtliche Standortbestimmung "Mutterstadt 2", genauso wie die mentalen Positionen zu "Deutschrap". Massive Töne erzählen auf "Hitsingle" und
"Traumreise" gute Geschichten, wie schon früher mit "Der Trend wechselt mit der Jahreszeit" oder "Chartbreaker". Sie lassen Dampf an alle möchtegernmäßigen "Laller" und komplexbeladenen Nazischweine ("Deutschland, Deutschland") ab und reduzieren
trotzdem den allgemeinen "Stress". "Es ist ja nicht so, dass wir keine Meinung zu irgendwas haben", sagt Schowi. "Es ist auch wichtig, eine Attitude zu haben und die durchblitzen zu lassen. Aber es ist schrecklich, wenn man zu politischen Themen Stellung bezieht, nur weil man ein Mikro in der Hand hat. Musik hat nichts mit den großen Lebensweisheiten und den Regeln fürs Leben zu tun. Stellung beziehen ist immer wichtig.
Aber nicht: "So! Und so nicht!"" Natürlich treffen Massive Töne auch wieder auf ein paar auserwählte, internationale Gleichgesinnte. Mit Freeman von IAM und Karim Le Roi aus
Frankreich haben sie Heißhunger ("Craive le faim"), mit Tairo, dem rastafizierten "französischen Nate Dogg" von "2 Mille", stellen sie die Gewissensfrage "Geld oder Liebe", und mit den New Yorker- Underground Helden PF-Cuttin und Thirstin Howl III
klagen sie "Deceived me". "Thirstin fanden wir immer schon cool. Und als sich dann herausstellte, dass er ein Kumpel von PF ist und mit dem in seinem alten Kinderzimmer gerade ein Album produziert, haben wir ihn gleich eingespannt." Und zwar diesmal kurzerhand im "Kopfnicker Studio" in Stuttgart. Dass ein eigenes Studio auch negative Nebenwirkungen haben kann, fanden die Massiven vor allem beim Texten heraus. "Die
Maschinen ziehen dich echt an", meint Ju. Und Schowi: "Klar, wenn die Geräte herumstehen, dann macht man halt lieber Beats. Da kann man flashen ohne groß nachzudenken." Außerdem wird das Studio "nach Feierabend" zum Cliquentreff. Da will man ja auch nicht das unentspannte Arbeitstier geben und seine Jungs wegen
irgendeinem Texte rausschmeißen. Nach hunderten von Beats und nur sehr wenigen Texten, ergriffen Ju und Schowi die kreative Flucht. "Wir haben uns gesagt, wir müssen da hin, wo die anderen nicht sind," meint Schowi. "Also sind wir zweimal zu Jus Familie nach Portugal gefahren." Und Ju fügt hinzu: "Einmal haben wir uns auch einfach ins Auto gesetzt und sind in den Süden gefahren. Sind eigentlich nur gefahren und haben
uns vielleicht morgens, so um 2, in 'nem "Formula 1"-Hotel für 30 Mark eingecheckt. Durch die Schweiz nach Frankreich, an der Cote D'Azur entlang über die Riviera, zurück über Pisa, Florenz, Venedig, Österreich Stuttgart. Eine Woche lang. Das hört sich vielleicht aufregend an, war aber eher anstrengend.
Aber immerhin haben wir da "Stress", "Traumreise" und "Mutterstadt 2" geschrieben."
"Unser Publikum wird natürlich jünger", sagt Schowi. "Die meisten wollen nichts von deutschem Hip Hop wissen. Das ist ja total verständlich, das geht uns ja genauso. In Stuttgart gibt es vielleicht ein Dutzend DJs, die gut im Club auflegen. Die legen überhaupt keinen deutschen Hip Hop mehr auf! Vor ein zwei Jahren waren das vielleicht noch 10 oder 15 Stücke, von über 400 im Laufe eines Abends. Jetzt geht da gar nichts mehr.
Die Hip Hop Gefolgschaft ist so schnell gewachsen, dass der musikalische Output nur quantitativ mithalten konnte. Aber nicht qualitativ." Da wird Ju hellhörig: "Da kann man aber nicht nur den Künstlern die Schuld geben. Sondern auch den Plattenfirmen, die einfach alles herausgebracht haben." Eine kurze Pause. "Im Nachhinein bin ich froh, dass es mit unserem neuen Album so lange gedauert hat. Jetzt geben die Plattenfirmen nur noch bei den Künstlern Gas, bei denen sie dreimal nachgedacht haben, ob sie auch wirklich burnen." Wie bei den Massiven Tönen zum Beispiel. Wie bei "MT3".
Offz. Homepage: www.massivetoene.de
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