Tomte

TOMTE

Walking on Zahnfleisch - Große Gesten, die keiner sieht 

Die wohl erste Schallplatte der Musikgeschichte, die das Altern versöhnlichbesingt, haben sich die drei netten Herren von Tomte aus Hamburg ausgedacht: "Es ist beruhigend, zu sehen, wie man älter wird" , singt Thees Uhlmann, Sänger, Gitarrist und  Manchmal-Bassist in dem Lied "Theestube". Ab einem gewissen Alter, ungefähr mit Achtzehn, wird es schließlich auch lächerlich, sich krampfhaft dem Berufsjugendtum hinzugeben, und es bleibt entweder der verklärte Blick auf eine Zeit, die eigentlich total scheiße war oder eben eine gewisse Abgeklärtheit, und für dieses blöde Wort möchte ich mich sogleich entschuldigen, aber es passt nun mal. Jene, Verzeihung, Abgeklärtheit macht sich auf der ganzen Platte bemerkbar, die sich zu ihrer Vorgängerin, der auf dem Label des "...but alive"-Sängers Marcus Wiebusch erschienenen LP "du weißt, was ich meine", weitaus geschlossener &ausgereifter verhält. Und diejenigen, die sich kein Ohr abbrechen und sich vielleicht richtig mit dem neuen Werk – das übrigens den Titel "Eine sonnige Nacht" trägt - befassen, werden ein großes Album zu hören bekommen. "Woher nimmt die Band diese Kraft?", fragte ein Junge mit guter Figur seine Freundin, als ich vor zwei Jahren das erste mal Tomte sah, zwei Reihen vor mir in dem schlecht gefüllten Besucherraum. Beide sahen fantastisch aus. Die Band spielte langsam, fast zärtlich, und wirr auf ihren Instrumenten und wurde von mehren Menschen belächelt und mit Bier bespritzt. Für die Band waren diese Menschen nicht existent, körperlich sowie geistig... Das nächste Lied widmete der Sänger eben diesem Paar zwei Reihen vor mir. Er schweifte ab und erzählte was von totaler Hingabe, einer Zukunft, mit und in der man leben kann. Er wusste nicht, dass er auch die Band meinte...: Tomte veröffentlichen in  Eigenregie ihre zweite Platte "Eine sonnige Nacht" auf ihrem Label Hotel van Cleef. Sie schaffen es, 50 Minuten lang die Spannungsbögen bis zum Bersten zu spannen, Melodien in den Raum zu schicken, die so reich wie Banken sind; und sie besingen eine Welt, wie man sie sehen kann, wenn man Mitte/Ende 20 ist, auch wenn der Kopf manchmal zuckt und der Sänger denkt: "War ich gerade der einzige der das bemerkt hat?" Aber trotzdem spielen sie DIE Lieder für die Leute da draußen, die gerade wieder einsam sind und überlegen, ob es okay ist, alleine zu sein... und Bier zu trinken. Wer immer das auch werden mag, wer auch immer wann einsam wird.  In SPEX 12/68 stand: Dies ist ein gutes Jahr für Platten aus diesem Land. Das gleiche gilt für 2000. Wären Surrogat die Variante von Shellac, so ist Tomtes "Eine sonnige Nacht" "Perfect from now on" von Built to spill. Hier beginnt etwas zu wachsen, und keiner weiß, wohin es geht, aber es ist klar, dass diese Blume schön wird und wichtig. Die Mischung aus Nelke und Mais. Mit Blumen Bands und Platten umschreiben - Das geht! Der Opener der Platte, "Korn & Sprite", fällt aus der Rolle, ist härter, schneller, fällt aus der Platte. Und es geht um Alkohol. Wie ein biergetränkter Faden zieht sich der Alkoholkonsum durch das Machwerk, ohne einen Anflug von Bierseligkeit jedoch. Vielmehr macht sich eine gewisse versoffene Melancholie breit, wie man sie verspürt, wenn man des Nachts alleine den letzten Schluck Wein in sich hinein schüttet. Seltsamerweise kommt ausgerechnet in dem Stück,  das diese Stimmung am besten transportiert, "Die Nacht in der ich starb", dessen Düsternis in Gitarrenmusikkreisen ihresgleichen sucht, kein Tropfen Alkohol vor: "Ich ging nach Hause und trank einen Tee. Und Wasser. Und  dachte: Hurra." Hurra. Das hat noch niemals jemand so kraftlos & schön gesungen. So leise, dass der Hörer seine Tränen auf die Bierdose fallen hören kann. Weitaus kraftvoller, doch nicht minder melancholisch heißt es dann z.B. im "Rick McPhail Song" (Rick McPhail ist Sänger der Band Venus Vegas und war Merchandise-Guy auf der Toctronic-K.O.O.K-Tour und Kollege von Thees Uhlmann): "Es muss immer mehr in mich rein, damit ich überhaupt an etwas glauben mag". Trinken muss man, dann verliert man wenigstens nicht sein Gesicht. "Eine sonnige Nacht" wird von Arrangements getragen, die ähnlich knackig sind wie der Arsch des Bandleaders. Und das ist geil. Geigen, Rhodes, Synthies, alles hat sich seinen Platz neben Gitarren und Bässen und Schlagzeug ergattert. Sie machen Luft und die Räume enger. Die Texte sind zwar Niederschriften dessen, was einem in den schlechten Stunden durch den Kopf geht, oder besser durch den Kopf schleicht oder humpelt oder torkelt, doch gerade das macht die Lieder so groß- und einzigartig. Der ganze Dreck muss raus aus dem Schädel, auch wenn man manchmal Gefahr läuft, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, wenn man alles ausplaudert, was auf der Seele wuchert. Eine solche privatistische Hemmungslosigkeit ist allemal würdevoller, als all die auf dumpfen Unterhaltungswahn und möglichst heftige, kurze Aufmerksamkeit ausgerichtete Hemmungslosigkeit, die sich im deutschen Musikbetrieb breitgemacht hat und einen nur mehr Kotzen macht. Tomte haben mit "Eine sonnige Nacht" etwas Außergerwöhnliches geschaffen. Sie haben eine Rockplatte gemacht, die in England als "irgendwas, das genauso wahnsinnig gut ist  wie ..., aber anders, und allen ans Herz gelegt" umschrieben werden würde. Die Frage ist, ob man sich hierzulande wieder dazu hinreißen lassen wird zu schreiben: "so ähnlich wie ..., und ein wenig mehr als eine blanke Kopie".Seien sie sich sicher, die Jungs wollen es wissen, und sie sind bereit zuopfern. Das fängt bei Geld an und hört bei Zukunft auf: Angst, auch eines der tragenden Themen der Platte. Tomte wissen, dass sie sich ähnlich anhören wie andere, aber man geht ja auch gerne immer wieder mit den gleichen Leuten weg... Das Scheitern nehmen sie in einer unglaublich sexy Art mit in ihr Bandgefüge. Aber wer würde nach 7 Jahren Bandgeschichte etwas anderes erwarten? Irgendwo zwischen der Campingplatzgrenzen der Musik der letzten 10 Jahre aus England, Amerika und Deutschland haben sie ihr kleines Zelt aufgebaut. Sie werden da bleiben, um auf die Dinge zu warten, die da passieren werden. Es wird etwas passieren, weil sie zu ruhig und zu geschmackvoll und zu stilsicher sind, als dass sie vom Campingplatz runtergeschmissen werden könnten... "Eine sonnige Nacht", eine runde Platte, die keine leichten Themen hat. Tomte unterscheiden sich, weil sie Schwäche auch mal direkter zu Markte tragen und es so den Hörerinnen erlauben, sich mit ihnen zu fühlen. Sind Sie gerade alleine zu Hause? Hören Sie sich das Titelstück der Platte an. Sie werden wissen was ich meine... Scheitern wird man sowieso, und man muss es nicht mal aufrecht tun.

Rasmus Engler

 

TOMTE bei berlinova 2003 ...

 

 

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